"Ex-Premierminister Petr Necas setzte sich für den Ausbau der Atomkraftwerke in Tschechien ein. Wir haben ihm deshalb regelmäßig Briefe geschrieben und klar zum Ausdruck gebracht, was wir vom Ausbau der Atomkraft halten. Weil sich der neue Premierminister Bohuslav Sobotka zur Kernkraft ähnlich stellt, setzen wir mit unserer Aktivität fort. Schreiben auch Sie dem Premier! "





Brief an den Premierminister schreiben


TOPlist

Sehr geehrter Herr Premierminister,

die damalige Tschechoslowakei hat auf Kernenergie gesetzt. Wie alle Staaten, die sich dieser Technologie verschrieben haben, geschah dies unhinterfragt, ohne groß darüber nachzudenken, was mit dem Strahlenmüll je passieren soll. Vermutlich war man damals ja auch noch sicher, dass der große Bruder, die Sowjetunion, sich schon darum kümmern würde. Was für ein Paradebeispiel für die absolute Unzuverlässigkeit von relativ stabil scheinenden Weltordnungen für die großen Fragen der zivilisatorischen Entwicklung.

Bedauerlicher weise hat nach Wende und Staatsspaltung auch die Tschechische Republik weiter auf Atomkraft gesetzt. Wiederum, ohne die logischen Konsequenzen, nämlich die Notwendigkeit eines Atommülllagers und damit verbundene Schwierigkeiten ausreichend zu bedenken. Leidtragend ist nun die Bevölkerung Ihres Landes, in doppelter Weise: Einerseits werden die horrenden Kosten für die Errichtung und den Erhalt des Endlagers, daran besteht kein Zweifel, auf die Allgemeinheit ausgelagert werden und andrerseits wird irgendeine Region sich künftig für das Experiment Endlager opfern müssen, über tausende Generationen wird dort jegliche volkswirtschaftliche Nutzbarkeit verloren und die latente Gefahr der Freisetzung radioaktiver Stoffe gegeben sein.

Warum ich das alles anführe? Nun, sehr geehrter Herr Premierminister, ich muss sagen, dass ich es ausdrücklich begrüße, wenn unser Umweltminister Rupprechter sich in unserem Namen gegen den Bau eines Endlagers für hochradioaktiven Abfall in österreichischer Grenznähe einsetzt! Nicht, weil ich darin eine wirklich gute Lösung sehe, sondern wegen der größtmögliche Schadensbegrenzung für das bewusst atomfreie Österreich. Hier hatten die Menschen die demokratisch korrekte Möglichkeit, sich zu entscheiden, ob sie Atomkraft und somit auch Atommüll wollen oder nicht. Und sie werden sich gegen eine Gefährdung durch Andere ebenfalls wehren. Zu dieser minimalen Option an Einspruchnahme ist Österreich gezwungen, weil jede Diskussion über die ursächlichen Probleme durch die Atomkraft in den verantwortlichen Kreisen in Tschechien seit Jahren auf taube Ohren stößt.

Sehr geehrter Herr Premierminister, es ist mir – wie allen Atomgegner_innen übrigens auch! – durchaus bewusst, dass letztendlich eine sichere Lösung für den Umgang mit bisher angefallenem Atommüll gefunden werden muss. Ich habe jedoch kein Verständnis dafür, dass trotz Fehlens jedes realistischen Lösungsansatzes weiter strahlender Müll produziert werden darf. Diese Vorgangsweise macht die Atomindustrie und ihre Befürworter_innen und damit auch jede Regierung, die sie legitimiert, in höchsten Maß unglaubwürdig.

Auf die Gefahr hin, dass ich mich wiederhole: Wir Atomgegner_innen, die wir sowohl den Problemen als auch den Gefahren ins Auge sehen, wir sind die Realisten. Wer beides auszublenden versucht und an der Vergrößerung und der Verlängerung rücksichtslos weiter arbeitet, ist realitätsfremd - ist ein Phantast! Erst wenn diese Diskrepanz beseitigt ist, erst wenn eine Zäsur gemacht wird, können wir in einen ernsthaften, zukunftsorientierten Dialog auf Augenhöhe treten.

      Bis dahin verbleibe ich,

mit besorgten Grüße aus dem Mühlviertel 

Gabriele Schweiger

Mütter gegen Atomgefahr, Obfrau

Zurück